Ein wenig Eigenes #5

GOLDMARIE

 

Er bot ihr ein goldenes Kleid.

Er sagte ihr, sie solle den Berg hinauf.

Hinauf zum goldenen Palast, im goldenen Kleid.

Zu ihm, dem goldenen König.

Sie griff nach dem Kleid,

zückte das Handy und zeigte der Welt: schaut, wie schön es mit ihm ist - alles ist aus Gold!

 

Im Frühling lief sie im goldenen Kleid den Berg hinauf.

Den Berg hinauf zum goldenen Palast, zum goldenen König.

Die goldenen Blüten der Blumen blendeten ihr Augenlicht,

doch sie zückte ihr Handy und zeigte der Welt: schaut, wie schön es hier ist - alles ist aus Gold!

 

Im Sommer schickte er ihr Freunde.

Freunde mit goldenen Kleidern. Goldenen Kleidern wie den ihren.

Sie kamen in Scharen und drehten mit ihr Pirouetten auf den goldenen Wiesen vor dem Palast.

Der Sommer war hell und warm und sie fühlte sich wohl,

auf dem Berg, im goldenen Palast.

An der Seite des goldenen Königs.

Sie zückte ihr Handy und zeigte der Welt: schaut, wie schön es hier ist!

Mein König und meine Freunde - alle sind aus Gold!

 

Im Herbst fegte der Wind die goldenen Blätter von den Bäumen.

 Da fröstelte es sie im goldenen Kleid,

auf dem Berg, im goldenen Palast.

Du bist so schön im goldenen Kleid, sagte der goldene König, sagten ihre goldenen Freunde.

Sie blickte an sich hinab.

Sie haben recht, dachte sie,

 zückte ihr Handy und zeigte der Welt: schaut, wie schön es hier ist - alles ist aus Gold!

 

Im Winter blickte sie hinaus.

  Hinaus aus dem goldenen Palast, auf den Berg, auf den goldenen Schnee.

Sie saß in einem goldenen Käfig, in einem goldenen Kleid.

Davor. Der goldene König.

Er bot ihr, durch die goldenen Stangen hindurch,

goldene Äpfel aus dem Sommer.

Sie zückte ihr Handy und zeigte der Welt: schaut, wie schön es hier ist - alles ist aus Gold!

 

Sie ist die Goldmarie. An der Seite des goldenen Königs.

Ohne zu wissen, dass, wer das große Glück sucht,

es in der Liebe und in der Freiheit findet.

Nicht auf dem Berg,

im goldenen Palast,

im goldenen Kleid,

im goldenen Käfig.

 

© Jasmin Koch

0 Kommentare

Ein wenig Eigenes #4

BRUCHSTÜCKE 

 

Meine Welt ist.

Meine Welt ist groß, ist klein.

Ist Tradition und Style.

 

Ich wünschte, meine Welten wär'n verbunden,

und ich hätte meinen Platz in jeder einzelnen gefunden.

Ich tanze jeden Tag auf einem andern Welten-Gleis,

und weiss, dafür zahl ich einen Preis.

Denn ich fürchte, dass man immer nur ein Bruchstück von den Menschen kennt,

wenn man so durch Welten rennt.

 

Meine Welt ist.

Meine Welt ist groß, ist klein,

ist Tradition und Style.

Meine Welt ist bunt, ist matt,

ist Wald und mittlerweile auch ein wenig Stadt.

 

Ich leb' und lieb in jeder meiner Welten,

denn dort sind Menschen, die unendlich gelten.

 Bin immer auf dem Sprung,

als sei'n meine Besuche nichts als eine Zwischenlandung.

Ich bin niemals ganz da und niemals ganz weg,

und sammle doch in all meinen Welten Seelen-Gepäck.

 

Meine Welt ist.

Meine Welt ist groß, ist klein,

Ist Tradition und Style.

Meine Welt ist bunt, ist matt,

ist Wald und mittlerweile auch ein wenig Stadt.

Meine Welt ist leis', ist laut, ist Krachen,

ist Budget und Gott seit Dank viel Kinderlachen.

 

Ich pass mich an und bleib doch ich,

esse Tom Ka Gai genauso gern wie Bienenstich.

Jedes Bruchstück ist ein Teil von mir,

spielt seine eigene Partitur auf dem Klavier.

 Ich versuch' nichts zu verpassen,

  es ist jedoch gewiss, das Schicksal wird's mir nicht ganz überlassen.

 

Meine Welt ist.

Meine Welten sind.

Für immer mein Geheimnis.

 

 

© Jasmin Koch

0 Kommentare

Ein wenig Eigenes #3

HIMMELWÄRTS

 

 Ich drücke meine Füsse in den warmen Sand,

weiß, auch hier hat man irgendwann gehört von Goethe, Brahms und Kant.

Die Rasen sind grün und haargenau getrimmt,

wahrscheinlich weil hier alles nur noch oberflächlich stimmt.

Der Käfig verliert die goldne Farbe,

zu mächtig ist die dunkle, arrogante Made.

Alle lachen über Twitter-Tweets und die Frisur,

und spüren doch: unter diesem Präsidenten tickt die Uhr.

 

Ich nenn dich meine zweite Heimat,

dir gehört mein Herz und frag mich doch:

Kenn ich dich noch?

 

 Ich esse Hummer, fühle mich geborgen, blicke auf das raue Meer,

wer lässt sich nicht gern blenden von der Sonne und dem Flair?

Ich seh die Bocciakugeln rollen,

und weiß, im Gegensatz zu vielen, schöpfen wir hier aus den Vollen.

Macht und Rassismus trüben dieses schöne Land,

vielen Menschen fehlt die offne, liberale Hand.

Ich habe hier geliebt und auch gelebt,

und versteh nicht, dass die Obrigkeit so viel verweht.

 

Ich nenn dich meine zweite Heimat,

dir gehört mein Herz und frag mich doch:

Kenn ich dich noch?

 

Ich hör wie die Möwen kreischen und die Wellen an die Brandung schlagen,

während wir den Neustart wagen.

Vergangen ist der Schmerz,

unsre Seelen streben wieder himmelwärts.

 Ich begreife, dass trotz Unverständnis für die Politik,

der Wert unsrer Freundschaft überwiegt.

 

Ich nenn euch meine zweite Heimat.

Euch gehört mein Herz!

  

© Jasmin Koch

0 Kommentare

Ein wenig Eigenes #2

 

ZWEI SEELEN IN MEINER BRUST

 

Ich genieße meine Freiheit,

und die unbeschwerte Reisezeit.

Hab die besten Freunde,

und im Gegensatz zu vielen, auch noch Träume.

Hab große Worte und Verachtung,

für die glitzerweltliche Betrachtung.

Kenn jedes Theater, jede Bar und Restaurant in meiner Stadt,

und werd vor Lebensfreude kaum noch satt.

 

Aber manchmal. Manchmal, wenn alles ganz still ist, frage ich mich:

 

Wohin führt das Leben?

Kann ich ewig in der Blase schweben?

Ist es immer gut allein zu sein,

oder red ich mir das alles ein?

Warum konnt ich niemand bisher halten,

und die Liebe sich entfalten?

Die Zweifel nagen an dem Herz,

lassen offen Raum für Einsamkeit und Schmerz.

 

Doch dann. Dann spür ich:

 

Ich genieße meine Freiheit,

und meine ganz persönliche Geschwindigkeit.

Sehe schmunzelnd viele Paare und denk:

deren Beziehung ist auch nicht grad das Wahre.

Ich glaub noch an die große Liebe und an die Freundschaft auf die Dauer,

viel mehr als an Junggesellinnenabschiede und Babyshower.

Mich erschreckt die Meinung, dass es jemand braucht,

damit man endlich an sich glaubt.

 

Doch manchmal. Manchmal, wenn alles ganz still ist, frage auch ich mich:

 

Wohin führt das Leben?

Kann ich ewig in der Blase schweben?

Ist es immer gut allein zu sein,

oder red ich mir das alles ein?

Warum konnt ich ihn nicht halten,

und die Liebe sich entfalten?

Zweifel nagen an dem Herz,

lassen offen Raum für Einsamkeit und Schmerz.

 

Doch dann. Dann weiss ich, ich kann nicht fallen, denn ich hab ja eure Wurzeln.

Sie sind meine Freiheit,

sind meine Fähigkeit zu lieben,

sind meine Möglichkeit zu Risiko und Mut,

sind mein Vertrauen,

und mein Halt.

Meine Wurzeln. Die seid ihr.

 

© Jasmin Koch

5 Kommentare

Ein wenig Eigenes #1

Während Du Verblasst 

 

Meine Füße laufen.

Barfuß über Kontinente,

manchmal gegen Wände.

Mit und ohne Blasen,

über fremde Straßen.

In Skiboots über den Asphalt,

machen kaum noch halt.

Meine Füße laufen weiter,

während du verblasst.

 

Meine Haare werden grau.

Sind kurz, sind lang, sind kraus und glatt,

aber niemals matt.

Fallen nicht mehr bis zur Hüfte,

wehn' an Rhein und Mosel in die Lüfte.

Meine Haare werden grau,

während du verblasst.

 

Meine Augen sehen.

Menschen älter werden,

genauso wie Beziehungsscherben.

Funkeln meist vor Freude,

über das grandiose Heute.

Sehn mit Liebe Hochzeiten und Patenkinder,

genauso wie das Weiß im Winter.

Meine Augen sehen,

während du verblasst.

 

Mein Herz schlägt.

Unruhig, frisch und frei,

aber niemals nebenbei.

Es hängt an Worten, Wärme, Wein, einem Klavier

und bestimmt irgendwo auch noch an dir.

Mein Herz schlägt,

während du verblasst.

 

Meine Augen sehen immer mehr,

meine Füße laufen immer weiter,

meine Haare werden immer grauer,

und mein Herz schlägt immer schneller.

Während du verblasst- 

bin ich vogelfrei.

 

© Jasmin Koch

0 Kommentare