Ein wenig Eigenes #7

DRINNEN und DRAUßEN

 

Teil 1  - Anno 1775.

 

Drinnen.

Drinnen lebt die extraordinäre Königin,

zwischen Goldbrokat und Rüstungen aus Zinn.

Es fließen weiße Milch und schwarzer Kaviar,

ihre Stunden dreh'n sich um das hochgesteckte Haar.

Ihr Blick der Fenster abgewandt,

hält sie die Karten in der Hand.

 

Und draußen. 

Draußen vor den Toren von Versailles,

lebt man fern von schöner Malerei.

Blinde Spiegel zeigen abgeschundene Gestalten,

und Mütter, die tote Kinder in den Armen halten.

Selbst die Ratten hungern in den Ecken,

bevor sie Haut nach Haut mit Pest beflecken.

 

 Drinnen.

Drinnen strahlt ihr Sein im Spiegelsaal,

klaglos zu dienen hat das Volk - das Bodenpersonal.

Sie ist erzogen, um einen Sohn zu schenken,

nicht um frei und liberal zu denken. 

Sie glaubt, Hunger löse sich mit Kuchen,

und hört nicht, dass die Menschen sie zum Tod verfluchen.

 

Und draußen.

Draußen vor den Toren rütteln Menschen an den Stäben,

wollen nur ein würdigeres Leben.

Schreie nach der Gleichheit dröhnen durch die Gassen,

doch betrifft sie längst nicht alle Menschen, alle Klassen.

Die erfüllen schweigsam weiter ihre Pflicht,

willig oder nicht.

 

Drinnen.

Drinnen läuft sie durch die Gänge,

man treibt sie in die Enge.

Klirrend bricht das Meisner Porzellan,

die letzte Chance auf Gnade ist vertan.

Man packt sie, greift sie, schleift sie zum Schafott,

flehend ruft sie jetzt nach ihrem Gott.

Der Königinnen-Glanz liegt weit,

sie hat sie nicht gesehen, die Zeichen der Zeit.

 

Teil 2 - Im Jahr 2018

 

Drinnen.

Drinnen leben wir, das selbstgekrönte Volk,

zwischen IDevice und Zuckergold.

 Seh'n wie Terror und Gewalt die Welt mit Blut beflecken,

 indes wir uns den Honig von den Fingern schlecken. 

Es fließt helles Wasser und ein schwarzer Erdöl-Strom,

unsere Stunden schwinden mit dem Blick auf's Telefon.

Wir verzehren Avocado, fliegen international,

klaglos zu dienen hat unser Bodenpersonal.

  

  Und draußen.

Draußen da sind Menschen, die sich in ein Gummiboot begeben,

in der Sehnsucht nach dem Überleben.

 Kinder, deren Mägen irgendwann im Staub versagen,

 die nie die Möglichkeit auf Bildung haben.

 Selbst die Ratten flüchten aus den Städten,

wo sich nicht mehr Menschen, sondern Bomben betten.

Debatten über Ehen und das Fremde dröhnen durch die Medien,

Gleichheit gibt's noch immer nicht für jeden.

 

Und drinnen.

Und drinnen warten wir benommen,

wissen, dass wir der Wahrheit nie entkommen.

In uns lebt die alte Königin,

zwischen IDevice und Rüstungen aus Zinn.

Der Spiegel zeigt uns ihr Gesicht,

noch schleift uns niemand zum Schafott und vor's Gericht.

Unsere Zukunfts-Angst liegt weit,

Wer will sie schon sehen, die Zeichen der Zeit.

 

 Noch ist es nicht zu spät, die Augen aufzuschlagen.

Für das Drinnen und das Draußen. 

Für die Wahrheit und die Gleichheit.

Für die Gnade und Barmherzigkeit.

 

© Jasmin Koch

 

(Inspiriert durch die 17 UN-Resolutionen, welche das Ziel haben, bis 2030 u.a. Armut und Hunger in der Welt zu besiegen und Frieden und Gleichheit zu schaffen)  

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