Rezension: Unterleuten

Lesegrund:

 

Nachdem ich "Altes Land" von Dörte Hansen gelesen hatte und restlos begeistert war, stand mit "Unterleuten" von Juli Zeh der nächste große Gesellschaftsroman auf meiner Leseliste. Die Fragen "Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir?" und "wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen und am Ende Schreckliches passiert?" reizten mich und mit großer Spannung schlug ich das Buch auf...

 

Inhalt:

 

"Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf Unterleuten irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den Gutshäusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen.Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neuen Berliner Aussteiger, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist..."

 

(Textquelle: Luchterhand Literaturverlag)

 

Meine Meinung:

 

Juli Zeh hat ohne Zweifel einen großartigen Beitrag zur zeitgenössischen Literatur geleistet. Ihr Schreibstil ist an keiner Stelle uneben, kein Wort wirkt platt, nichts fühlt sich abgedroschen an. Ihre Protagonisten hat sie dreidimensional ausgearbeitet (wenngleich sie nicht unbedingt sympathisch sind) und die Moral von der Geschichte, nämlich, dass jeder Mensch gute und schlechte Seiten hat, wird immer wieder deutlich und verständlich. Juli Zeh greift mutig hinein, in die verschiedenen Facetten der Menschen eines ostdeutschen Dorfes im Jahr 2010, wenngleich das aufgegriffene Thema "Windkraft" im Jahr 2017 sicherlich noch einmal eine andere Schwerkraft hat, als vor sieben Jahren.

 

Trotz der Signifikanz des Buches, des literarisch Einwandfreien und des Mutes von Juli Zeh, hat mich das Buch nicht restlos überzeugt. Zum einen, da für mich die Protagonisten auf über sechshundert Seiten ihren Egoismus und Narzissmus zur Schau tragen, wie es seines Gleichen sucht. Während Dörte Hansen in "Altes Land" der perfekte Spagat zwischen Humor und Trauer gelingt, fehlte mir in "Unterleuten" von Juli Zeh das Weiche, das Gefühl, der Optimismus und der Humor. Des Weiteren wirkte das ostdeutsche Dorf "Unterleuten" an vielen Stellen auf mich fremd. Während ich den schwelenden Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern noch nachvollziehen kann, macht mich die uncharmante Beschreibung der dort lebenden Menschen an einigen Stellen stutzig. Hier ein Beispiel:

 

"Kathrins Unterleuten las keine Zeitungen, sah kaum fern, benutzte das Internet nicht, interessierte sich nicht für Berlin, rief niemals die Polizei und vermied überhaupt jeden Kontakt mit der Außenwelt - aus einem schlichten Grund: weil es die  Freiheit liebte. In den Jahrzehnten der sozialistischen Diktatur hatten die Menschen erfahren, dass Macht im Abstrakten und Irrealen waltete. Deshalb hielten sie sich lieber an das Reale und Konkrete." (Zitat aus "Unterleuten, S. 450)

 

Mehr als einmal wird die Unwissenheit, Uninteressiertheit und Verbitterung der Dorfbewohner am restlichen Leben thematisiert. Vielleicht ist meine Ungläubigkeit an der Darstellung damit verbunden, dass ich tatsächlich aus einem "Westdorf" stamme und das Lebensgefühl, die Geschichte und die damit verbundenen Verbitterung eines Ostdorfes nicht vollständig greifen und verstehen kann. 

 

Trotz meiner Kritik wäre es meiner Meinung nach Verrat an toller Literatur, zu sagen, dass Juli Zehs Roman "Unterleuten" kein gutes Buch oder nicht lesenswert wäre!

 

Fazit:

 

Unterleuten ist ein spannendes, gelungenes und literarisch wichtiges Buch, das mich auf über sechshundert Seiten am Lesen hielt. Es gehört jedoch nicht zu meinen Lesehighlights 2017.

 

Informationen:

 

Autor: Juli Zeh

Titel: Unterleuten

Verlag: Luchterhand Literaturverlag München

Erscheinungsdatum: 2016

Genre: Gesellschaftsroman

Seitenzahl: 635 S.

ISBN: 978-3-63087487-6

Preis: 24,99 € (Hardcover)

 

 

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