Rezension: Altes Land

Lesegrund:

 

Das "Alte Land" ist doch so weit oben im Norden, dachte ich und zeigte lange Zeit kein übermäßiges Interesse an dem Roman. Das Buch hielt sich jedoch hartnäckig auf der Bestsellerliste und irgendwann siegte meine Neugierde: ich packte es in meinen Koffer und nahm es mit auf Reisen.

 

Inhalt:

 

"Polacken", schimpft Ida Eckhoff, Bäuerin im Alten Land, als im Frühjahr 1945 Flüchtlinge aus Ostpreußen auf ihrem Hof stehen. Hildegard von Kamcke und ihre kleine Tochter Vera müssen in die Knechtekammer, auf Idas weißer Hochzeitsbank dürfen sie nicht sitzen. Aber Hildegard hat für die Opferrolle kein Talent. Sie zieht weiter nach Hamburg und lässt ihr Kind zurück. Vera erbt das große, kalte Haus und scheint es doch nie zu besitzen. Sie fürchtet sich vor ihm, lässt es verfallen. Bis mehr als sechzig Jahre später wieder zwei Flüchtlinge vor der Tür stehen: Veras Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn. Anne kommt nicht mehr zurecht mit ihrem Leben im szenigen Hamburg-Ottensen. Sie hasst ihren Job als Flötenlehrerin. Als ihr Mann sich dann auch noch in eine Andere verliebt, haut sie ab.

 

Vera, die raubeinige Zahnärztin, und Anne, die verkrachte Musikerin, haben mehr gemeinsam als sie ahnen. Beide fühlen sich nirgends zugehörig, beide kämpfen mit einer Vergangenheit, die alle Frauen in ihrer Familie hat erstarren lassen. Als sie beginnen, das Haus zu renovieren, geraten die Dinge in Bewegung.

 

Meine Meinung:

 

Der Roman "Altes Land" hat mich restlos begeistert. Dörte Hansen hat die Gabe, den Leser zu Tränen zu rühren, um ihn auf der nächsten Seite herzlich zum Lachen zu bringen. Ihre Worte fließen ruhig und melodisch, ohne in Kitsch abzutriften. Das Buch kommt ohne große Action aus und doch trifft jeder Satz den Nagel auf den Kopf: das Buch spiegelt das Leben in Hamburg-Ottensen genauso treffend wieder, wie das Leben und die Menschen im Alten Land. Es ist perfekt ausgearbeitet.

 

Ohne zu viel über den Roman verraten zu wollen, habe ich zwei Beispiele aus dem Buch herausgepickt, um zu verdeutlichen, welch großartiger Spagat Dörte Hansen zwischen Traurigkeit und Humor gelingt.

 

"Seit Elisabeth nicht mehr summte, weil ein Malermeister aus Stade sie mit vierzig zu viel auf dem Tacho in der großen Kurve vom Fahrradweg gefegt hatte, lebte Heinrich Lührs ohne Ton. Zwanzig Jahre Stummfilm ohne Ton.

Denn er hat seinen Engeln befohlen..., hatten ihre Freundinnen vom Kirchenchor auf der Trauerfeier gesungen, das war ihr Konfirmationsspruch gewesen, dass sie dich behüten  auf all deinen Wegen..., und da hatte Heinrich schon gewusst, dass er nicht wieder in die Kirche gehen würde" 

 

"Ein grüner John-Deere-Kindertraktor mit Frontlader kam rückwärts in die Einfahrt rangiert. Der Fahrer war ungefähr in Leons Alter und trug einen professionell aussehenden Overall und ein Raiffeisen-Cap. Langsam stieg er ab, kam mit ausgestrecktem Arm auf sie zu und öffnete seine Faust, in der ein großer, toter Falter lag. Er zog die Nase hoch, wischte mit dem Ärmel einen Schnodderfaden weg und sagte: 'Ein Schädling. Frostspanner.' Dann ließ er ihn fallen, trat zur Sicherheit noch einmal kräftig mit dem Fuß darauf, drehte sich auf der Ferse einmal um die eigene Achse, bis der Falter zermalmt war, tippte mit dem Finger an den Schirm seiner Mütze und strampelte davon."

 

Dörte Hansen zeigt auf, dass jeder einzelne von uns Fehler, Narben und Schwächen hat und doch müssen wir versuchen, jeden Tag unser Bestes zu geben. Das Tolerieren und Akzeptieren anderer Lebensweisen und Einstellungen ist die große Kunst! 

 

Fazit:

 

Ein wundervolles Buch zum Weinen und Lachen. Eines meiner Lesehighlights 2017!

 

Informationen:

 

Titel: Altes Land

Autor: Dörte Hansen

Verlag: Random House, 4. Auflage 2015

Genre: Roman

Seitenzahl: 287

ISBN: 978-3-8135-1

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